06 Mar 2015

Stadt aus Trug und Schatten

Stadt aus Trug und Schatten: Band 1

Autor: Mechthild Gläser
Verlag: Loewe
Seitenzahl: 416 Seiten
Band: 1 von 2

Gestern Nacht ist etwas mit dir geschehen. Etwas hat sich verändert. Deine Träume haben sich verändert. Ich nickte, zu verwirrt, um mich über das kleine selbstgefällige Lächeln zu ärgern, das über Marians Gesicht huschte, bevor er weitersprach. Hast du dich nicht schon mal gefragt, was mit dem Bewusstsein der Menschen geschieht, wenn sie schlafen?

Inhalt:
Flora fällt aus allen Wolken, als sie erfährt, dass ihre Seele seit jeher ein nächtliches Doppelleben in der geheimnisvollen Stadt Eisenheim führt. Von nun an wird sie nie wieder schlafen, ohne dass ihr Bewusstsein in die farblose Welt der Schatten wandert. Als wäre das nicht unerfreulich genug, hat ihre Seele offenbar den Weißen Löwen gestohlen, einen mächtigen alchemistischen Stein, nach dem sich nicht nur die Herrscher der Schattenwelt verzehren. Bald ist Flora selbst in der realen Welt vor den Gefahren Eisenheims nicht mehr sicher und eines ist klar: Sie kann niemandem trauen, nicht einmal Marian, der plötzlich in beiden Welten auftaucht und dessen Küsse vertrauter schmecken, als ihr lieb ist.

Rezension:
Irgendwie eine beklemmende Geschichte. Nacht für Nacht ist Flora gezwungen in Eisenheim aufzuwachen: Die farblose Stadt der Wandernden. Flora wurde nämlich aufgeweckt – oder hat sich selber aufgeweckt?! – und kann nun keine Ruhe mehr im Schlaf finden, sondern erlebt bewusst, wo die Bewusstsein aller Menschen des Nachts hingehen. Der Großteil von ihnen unbewusst, als Schlafende, als Arbeiterklasse von Eisenheim. Die Wandernden als heimliche Herrscher dieser Welt. Unter einem Fürsten arbeiten die Wandernden zusammen, manche von ihnen als Teil des grauen Bundes, doch scheinbar verfolgen alle eigene Ziele und Intrigen warten hinter jeder Ecke. Besonders bedrückend ist die gesamte Atmosphäre da alles in Eisenheim schwarz-weiß ist. Die Menschen sehen aus wie wandelnde Tote und vor den Toren der Stadt lauert das Nichts.

Die ganze Geschichte ist ein einziges großes Geheimnis und verwirrend zugleich. Flora hat ihr eigenes Gedächtnis gelöscht, die einzige Nachricht, die sie von sich selbst erhalten hat ist: Traue niemandem. Ähnlich kryptisch geht es weiter. Marian taucht auf und was zwischen ihm und Flora passiert oder nicht passiert ist ebenfalls mysteriös und geprägt von Misstrauen, Zweifeln und Fetzen von Gefühlen und Erinnerungen. Meiner Meinung nach eine Geschichte, die anders erzählt wird als andere, weniger bunt, fröhlich oder vorangetrieben von einer stets optimistischen Hauptfigur. Im Gegenteil. Flora hat zwar eine große Klappe aber auch viele Probleme, Angst und vernünftigen Menschenverstand. Eine sehr realistische Hauptfigur, tagsüber im trist anmutenden Essen unterwegs, nachts im unheimlichen Eisenheim.

Der Schreibstil gefällt mir recht gut. Obgleich Wert auf detaillierte Beschreibungen der beklemmenden Umgebung gelegt wird, langweilt die Erzählung nicht. Im Gegenteil, viele fantastische Details, beispielsweise die zahlreichen irdischen Sehenswürdigkeiten, die in Eisenheim bunt zusammen gewürfelt sind, erschaffen eine faszinierende Kulisse. Auch die schillernde Figur des eisernen Kanzlers gibt der Geschichte etwas einmaliges, ihn kennen zu lernen ist definitiv eines der Highlights des Buches, aber das sollte man lieber selbst erleben.

Fazit:
Spannend und unheimlich düster! Ich habe lange kein Buch mehr gelesen, das so andersartig war. Es gibt eigentlich kaum einen hellen Moment, alles ist unheimlich, dunkel und beklemmend. Bis zum letzten Augenblick begreift man nicht, wer auf welcher Seite steht und wie viele Fäden sich tatsächlich um den mächtigen weißen Löwen spinnen. Für mich definitiv empfehlenswert für Leser, die keine fröhliche Ablenkung suchen, sondern Lust auf eine spannend-beklemmende Welt komplett in schwarz-weiß und etlichen Grautönen haben.

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