06 May 2015

Ein Mord, der keiner sein durfte

Ein Mord. der keiner sein durfte: Der Fall Uwe Barschel und die Grenzen des Rechtsstaates von Heinrich Wille (2011) Broschiert

Autor: Heinrich Wille
Verlag: Rotpunktverlag
Seitenzahl: 382
Band: 1 von 1

Inhalt:
In der Nacht vom 10. Auf den 11. Oktober 1987 stirbt Uwe Barschel, bis wenige Tage zuvor Ministerpräsident von Schleswig-Holstein in einem Hotel in Genf. Selbstmord oder Mord? Das ist die große Frage. Doch die Untersuchungen stehen von Anfang an unter einem schlechten Stern. In Genf wird geschlampt, in Deutschland weigert man sich, überhaupt ein Verfahren auszunehmen. Heinrich Wille, Autor dieses Buches, tritt 1992 seine Stelle als Leiter der Lübecker Staatsanwaltschaft an. Er wird mit dem Fall Barschel betraut. Sein Buch ist ein präziser, detaillierter Bericht über die Ermittlungen, die nationalen und internationalen Verbindungen Barschels, seine teils wenig transparenten Unternehmungen. Und es ist ein ebenso genauer Bericht über die Behinderungen der Untersuchung, die Vorenthaltung von Beweismitteln seitens anderer Behörden, die Einmischung der Politik. Wille hat das hier vorliegende Buch bereits 2007 geschrieben. Doch die Publikation wurde damals von der Schleswiger Generalstaatsanwaltschaft untersagt. Jetzt liegt es vor – das eindrückliche Dokument einer unmöglichen Ermittlung, das ebenso eindrücklich die Grenzen des Rechtsstaates aufzeigt.

Rezension:
Heute mal eine etwas andere Rezension. Das Buch beschreibt eine vollkommen wahre Geschichte, für diejenigen, die noch nicht davon gehört haben, ist in diesem Zusammenhang bestimmt auch der Wikipedia-Artikel zu Uwe Barschel sehr aufschlussreich. Allerdings gibt das Buch eine gänzlich andere Sichtweise auf die Geschehnisse. Keinesfalls objektiv, möchte ich meinen, viel mehr sehr subjektiv, aber dafür umso kritischer und geschehensnaher, wurde es doch vom ermittelnden Leiter der Staatsanwaltschaft Heinrich Wille selbst geschrieben.

Kurz ein paar Worte, wie ichdazu gekommen bin, etwas derart „unfantastisches“ zu lesen. In der Uni hatten wir ein Seminar zur Landesgeschichte Schleswig-Holstein, inklusive wichtiger Ereignisse im 20. Jahrhundert. Mein Professor hat sodann Herrn Heinrich Wille persönlich eingeladen und er hat uns die Geschehnisse rund um Uwe Barschels mysteriösen Tod höchstpersönlich erklärt… das war ganz schön überzeugend! Zum Geburtstags gab es dann von meinem Professor das Buch dazu geschenkt und zack – hier bin ich, fertig mit einem Buch, das sonst wohl kaum seinen Weg in meinen Besitz gefunden hätte.

Detailliert werden darin nicht nur die eigenartigen Todesumstände des ehemaligen Ministerpräsidenten geschildert, sondern insbesondere auch das spätere Vorgehen der Behörden und die vielen Vorgänge, die sich über Jahrzehnte erstreckten. Von Tatortbildern, über Skizzen (die einen Selbstmord absolut absurd erscheinen lassen) bis hin zu Kleinkriegen in der Schleswig-Holsteinischen Justiz wird alles absolut realitätsgetreu (den Eindruck macht es auf mich jedenfalls) dargestellt. Und irgendwie ist die ganze Geschichte auch schockierend. Da ist wirklich jemand tot, in einer Badewanne in Genf, mit gebuchtem Rückflug und (scheinbar) glücklicher Familie und alle geben sich damit zufrieden, dass es womöglich ein Selbstmord gewesen sein könnte?! Unglaublich, wie die Behörden, insbesondere in ihrer Zusammenarbeit Genf-Schleswig-Holstein versagen. Heinrich Wille schildert sachlich und dennoch erwächst aus all den Begebenheiten eine Art Spannung und, ganz im Ernst, das Ende ist schlimmer als bei so manch einem ausgedachten Krimi: Denn die Ungewissheit bleibt. Der Fall ist unaufgeklärt. Und das ist unsere unzufriedenstellende Realität.

Im Ergebnis deutet viel auf eine einzige große Mauschelei hin. So viele Hinweise, so viele Anknüpfungspunkte, denen man hätte nachgehen können, hätten bloß die richtigen Menschen bereitwilliger an der Aufklärung mitgewirkt. Stattdessen wurde die Staatsanwaltschaft belächelt, als sie das erste Mal von Mord sprach und bei so vielen Hinweisen ist das ganze doch ein wenig bedenklich.

Fazit:
Eine Leseempfehlung der anderen Art. Das Buch ist nicht unbedingt besonders aufregend oder leicht und flüssig zu lesen. Es ist auch nicht wirklich eine Lektüre für Zwischendrin oder abends im Halbschlaf im Bett. Das Buch ist eher etwas für diejenigen, die sich mit problematischen, echten Rätseln und Krimis unserer Zeit befassen wollen, in ihrem ganz kalt-realem Ausmaß. Ob das Buch nun die Grenzen des Rechtsstaates aufzeigt oder womöglich doch nur die Manifestation einer großen Verschwörungstheorie ist, das kann am Ende jeder für sich selbst entscheiden. Obwohl es doch einige Details des Nachtatgeschehens gibt, die mich als Leser unzufrieden und nachdenklich zurück gelassen haben.

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